Weshalb jetzt die Zeit ist, langsamer zu werden und einander zuzuhören

Diese Zeit ist komplex. Es scheint, als hätte es noch nie in der Geschichte der Menschheit eine so vielschichtige Situation gegeben, die weder einfach zu verstehen noch zu handhaben ist. Und doch: Wenn wir zurückschauen, haben sich Menschen häufig in Lagen gefunden, die zunächst alles sprengten, was sie bisher erlebt hatten, die undurchschaubar waren und bedrohlich erschienen. Es waren harte Zeiten. Und erst im Nachhinein kamen Fakten ans Licht und wurde das Geschehen nochmal so sortiert, dass man eine greifbare Geschichte davon hatte, was passiert war. Und erst im Rückblick auf eine leidvolle Periode wurde sichtbar, was sich dadurch auch Positives in die Welt gebracht hatte. Wie nach Kinderkrankheiten gab es mit Krisen große Entwicklungsschübe.

Wir haben als Menschheit zahlreiche Krisen-Phasen durchlebt, nach denen die Welt und wir nicht mehr dieselben waren. Was die aktuelle Krise besonders macht, ist, dass es zum ersten Mal in der Geschichte der aktuellen Menschheit uns alle gleichzeitig betrifft, global, auf dem ganzen Planeten.

Wenn wir zurückschauen auf frühere Krisen, können wir Prognosen machen und Tendenzen ableiten, was die aktuelle Lage angeht. Jedoch wäre es angesichts der Komplexität der Lage auch angemessen, uns einzugestehen, dass es sein kann, dass wir, da wir noch mitten im Durcheinander stecken, weder wissen, wie die Sache ausgeht, noch überhaupt die ganze Geschichte kennen.

Und: Viele von uns sind derzeit in Angst

Darüber, dass es die Welt, so, wie sie war, nicht mehr geben wird. Und ich glaube auch, dass es nicht in absehbarer Zeit ein „neues Normal“ geben wird, sondern dass wir uns als Menschheit auf der Erde in einem großen Wandlungsprozess befinden, der noch viele Monate, wenn nicht Jahre andauern wird, bevor wir uns in einer neuen Form von Normalität einrichten können. Die Angst ist also berechtigt und verständlich. Nur: In Angst sind wir nicht besonders ressourcenreich. Rein physiologisch verändern sich die Hormone, die Perspektive und das Denkvermögen. In Angst sind wir im Stress- und Überlebensmodus, unser Blickfeld schränkt sich ein, wir versuchen unsere eigene Haut zu retten und suchen nach schnellen Lösungen, das große Ganze verlieren wir dabei jedoch eher aus dem Blick.

So kommt es, dass Menschen, die bisher befreundet waren und sich auf ein etwa ähnliches Wertesystem geeinigt haben, auf einmal verständnislos auf Aussagen ihres Gegenübers reagieren. Zum Social Distancing kommen Gräben der plötzlichen Meinungsverschiedenheit hinzu. Dabei beobachte ich persönlich und höre auch in meinem Umfeld davon, dass bei unterschiedlichen Auffassungen häufig nicht der Dialog gesucht, sondern eher Kontakt abgebrochen wird. Man hat ja eh schon so viel zu tun, der nächste Zoom-Call wartet und es gilt, jetzt das Business schnell auf Rezession und Online umzustellen.

Was wir dabei verpassen, ist die Chance für Wachstum und Entwicklung

Anstatt, dass wir uns gegenseitig Fakten an den Kopf werfen, wünsche ich mir, dass wir langsamer werden und einander erzählen, wie es uns wirklich geht. Oder, dass wir, jeder für sich, überhaupt erst einmal wieder spüren, wie es uns geht. Dem Körper die Chance geben, runterzufahren aus der medialen Dauerbeschallung und wieder zu sich zu kommen. Mit der Erde verbinden und den Kontakt zu uns selbst aufnehmen. Wie geht es Dir wirklich? Und wie geht es Dir, wenn Du welche Informationen hörst?

Der erste Schritt in die neue Welt, wie ich sie mir wünsche, bestünde darin, dass wir ganz in unseren Körpern ankommen und sie als die hochkomplexen Instrumente nutzen, als die sie uns zur Verfügung stehen. Sodass wir bei wichtigen Entscheidungen nicht mehr unsere Intuitionen und unser Bauchgefühl übergehen, dass wir unser Gespür dafür schulen, welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Trends uns Magenschmerzen bereiten und gleichzeitig verstehen, dass wir – jede und jeder einzelne von uns – gerade gefordert sind zu wachsen und auch Liebgewonnenes hinter uns zu lassen. Anders wird es nicht gehen.

Die Menschheit befindet sich am Anfang eines großen System-Updates, wie wir sie ja auch unserem Computer regelmäßig verpassen. Unser Vorteil: Wir sind keine Computer, sondern fühlende Wesen und haben mit unserem Körper das beste Navigationssystem – wenn wir lernen, aus dem Stress und der Angst in einen Zustand von Flow zu kommen. Das kann ein körperlicher Zustand von Flow sein, in dem ich mich ganz lebendig fühle und präsent mit meinen Mitmenschen sein kenn, bei dem ich das Update gleichzeitig durch mich hindurchlaufen lasse. Die Frage ist nur: Vertraue ich der Instanz, von der das Update kommt – die Evolution, das Universum, das Göttliche – so, wie ich auch der Software-Firma vertraue, die das Update für meinen Computer herausgibt?

Ich möchte Dich einladen…

…Dich in dieser Zeit besonders gut um Deinen Körper zu kümmern und das ernst zu nehmen, was Du fühlst. Vielleicht heißt das erst einmal eine Woche lang schlafen, im Wald Spazierengehen, viel zu trinken und gesund zu essen. Und dann sprich nochmal mit den Menschen, mit denen Du jetzt nicht mehr sprichst. Anstatt Euch über News und Meinungen zu streiten, die keiner von Euch verfasst hat, erlaubt Euch für einen Moment, das irgendwo geschriebene Wort, das irgendwo gefilmte Video einer anderen Person, von der ihr weder genau wisst, welche Interessen sie vertritt, noch ihren Stresspegel kennt, hinter euch zu lassen. Und erlaubt Euch Präsenz miteinander – ob virtuell, am Telefon oder in Persona. Erzählt Euch, davon, wie es Euch wirklich geht, was ihr fühlt, spürt und ahnt, was ihr nachts träumt und von was für einer Welt ihr träumt. Atmet miteinander. Hört zu. Nehmt einen tiefen Atemzug, bevor ihr etwas antwortet. In solchen Momenten hat die Evolution eine Chance – und genau um die geht es jetzt.