„What’s in a Name?“ – Wie mein neuer Name mich in meiner Identitäts-Evolution unterstützt

 

Seit ein paar Wochen gewöhne ich mich an meinen neuen Namen – und einen neuen Titel. Früher hieß ich Marie Harder. Jetzt bin ich Dr. Marie Weitbrecht. Huh. Mit der aktuellen Lage und dem Zuhausebleiben verändert sich gerade draußen die Welt. Und ich ändere meine Identität. Wie eine Raupe sitze ich in meinem Kokon und lasse die Veränderung wirken. Ich brüte mich. Hinein in ein neues Selbst.

Doch wieso überhaupt ein neues Selbst?

War das alte nicht okay? Klar war es okay. Und doch gab es ein paar Punkte, mit denen ich immer wieder an Grenzen stieß. Das hätte ich natürlich auch ohne den Namen ändern können. Und doch: Für mich ist der Name symbolisch und bezeugt meinen Wandel nach Außen.

Aber mal von vorn: Als ich auf den überraschenden Heiratsantrag im letzten Jahr aus vollem Herzen JA sagte, war mir klar, dass ich damit auch meinen Namen ändern würde. Das war mein erstes Gefühl – bevor ich anfing zu grübeln.

Ich habe meinen Namen nicht leichten Herzens geändert.

Einige meiner engeren Freundinnen haben mich vor der Hochzeit gefragt, ob nicht doch lieber einen Doppelnamen nehmen wollte, ob das denn überhaupt noch zeitgemäß sei und ob ich mir die große Entscheidung auch gut überlegt hätte. Klar, ich verstehe das: Ich bin die Letzte, die es befürwortet, dass eine Frau mit dem Heiratsantrag ihr gesamtes bisheriges Leben hinschmeißt und mit Aussicht auf Eigenheim und Kinderschar dem Prinzen in den Sonnenuntergang folgt. Und wieso soll es normal sein, dass der Nachname einer Frau mit der Heirat einfach verschwindet? Und wieso ist verweist mein Familienname überhaupt nur auf den Vater meines Vaters meines Vaters und auf keine Frau in meiner Familienlinie? Ein Erbe des jahrtausendealten Patriarchats: Männliche Vererbungslinie. Gruselig und sehr einseitig. Gut, dass das vorbei ist. Ich finde es wunderbar, dass man heute wählen kann.

Aus dieser Wahlfreiheit habe ich mich für den Namen entschieden, der mir besser gefiel. Das fiel mir nicht nur leicht. Obwohl das erste Gefühl klar gewesen war, kamen nun die ideologischen Implikationen: Was für ein Signal setzte ich damit, hatte ich ja zudem meine Doktorarbeit über „Starke Kinoheldinnen – ein vermeintlich „feministisches“ Thema – geschrieben? So diskutierte ich es mit wichtigen Freundinnen und Freunden durch, machte mir numerologische Charts aller möglicher Namens-Kombinationen und entschied dann aus dem Bauch heraus. Ich nahm die Enttäuschung meiner Tante in Kauf – und war zumindest beruhigt, nachdem sie, als Trägerin eines Doppelnamens mir von der Konstruktion eines solchen abgeraten hatte. Und ja: Wenn ich wirklich schon sehr viel unter meinem Namen veröffentlicht oder etwas unter meinem Namen aufgebaut hätte, hätte ich das wohl nicht getan. Die wenigen Menschen auf der Welt, die mich bisher kennen, dachte ich, werden mich auch mit neuem Namen wiedererkennen. Die Bücher, die ich lektoriert, die journalistischen Beiträge, die es von mir gibt, sind inzwischen sowieso im medialen Rauschen untergegangen und ich hänge nicht daran, dass man sie mit mir in Verbindung bringt.

Ich mochte meinen Geburtsnamen: Harder ist die norddeutsche Form von ‘Herder‘, also dem Hirten, einer Person, die andere gewissenhaft führt. Das gefiel mir. Gleichzeitig sprachen meine englischsprachigen Bekannten und Kollegen meinen Nachnamen oft mit einem Grinsen aus, besonders wenn ich die Schreibweise mit Verweis auf „The Harder They Come“ oder „Harder, Better, Faster, Stronger“ verdeutlichte. Gerade dagegen bildet mein neuer Name Weitbrecht einen Kontrast: Zwar ist er auf Englisch schwerer auszusprechen und seine Schreibweise komplizierter zu erklären, gleichzeitig evoziert er die Weite anstatt das Harte oder Härtere.

Doch: Ich hatte in den letzten Jahren häufig das Gefühl, dass mein Leben hart war

– oder, vielmehr, dass ich es mir oft schwerer machte als es sein musste. Seit ein paar Jahren knirschte ich mit den Zähnen, stand ständig unter Strom, andauernd busy, und selten mit dem Gefühl, zufrieden sein zu können mit dem, was ich getan hatte. Ja, da war eine ordentliche Portion Perfektionismus am Werk, ebenso wie Projekte-Overload mit Finalisierung meiner Doktorarbeit neben dem Aufbau meiner Selbstständigkeit. Über zu viel wurde ich hart. Deshalb erschien mir der neue Name etwas zu bezeichnen, wo ich hinwollte: Dass das Weite, Weiche hervorbricht. Weich sein zu dürfen mit mir, zufrieden sein mit dem, was ich gemacht habe. Und erstmal überhaupt zufrieden zu sein, mit dem, wer oder was ich bin.

Und da kommt jetzt der Dr.-Titel ins Spiel: Er erlaubt mir, jedesmal, wenn ich in alte Denkmuster verfalle, nicht „genug“ zu sein (nicht schlau genug, nicht kompetent genug, nicht vorausschauend genug, nicht genau genug, nicht professionell genug…) mit einem Blick auf meine E-Mail-Signatur oder meinen neuen Reisepass aus diesem Gedankenkarussell auszusteigen. So neurotisch das klingen mag, sei vergewissert: Ja, ich habe meine Doktorarbeit vor allem deswegen geschrieben, weil ich inhaltlich etwas herausfinden wollte (die Dynamiken, mit denen Mainstream-Kultur weiblicher Kraft begegnet). Und ja, ein Teil von mir hatte den Eindruck, nicht in dem Maße gehört, gesehen und ernstgenommen zu werden, wie ich mir das wünschte und erhoffte sich von dem Titel einen dahingehenden Effekt. Mein bester Freund von früher meinte, er habe ja schon immer gewusst, dass ich ein „schlaues Haus“ sei. Und er sei froh, dass ich nun meinen Titel hätte, dann würde ich es nämlich endlich selbst auch glauben.

Mein neuer Name mit akademischem Grad ist für mich gelebte Identitäts-Evolution.

Mein Name hilft mir, in das hineinzuwachsen, was ich mehr sein will: Weiter und selbstbewusster, gelassen kompetent. Und: Es funktioniert. An einigen Tagen mehr, an anderen weniger. Und doch kenne ich die Richtung. Jemand mit Dr.-Titel, sage ich mir, würde niemals in den Tag starten, ohne den Tag zu planen. Die Weitbrechts sind eine Familie, in der es viele Schriftsteller und Verleger gab. Ja, auch Schriftstellerinnen. Es gab schon eine Marie Weitbrecht, sie war Schriftstellerin und wurde ca. 120 Jahre vor mir geboren – als es noch eine ganz andere Nummer für Frauen war, zu schreiben. Oft, wenn ich denke, ich kann nicht schreiben, denke ich, so ein Quatsch, eine Marie Weitbrecht kann schreiben!

Und klar ginge das Ganze auch ohne neuen Namen. Mein Punkt ist weder, dass alle Frauen bei der Hochzeit ihren Namen ändern sollen, noch noch, dass man einen Dr.-Titel braucht, um sich kompetent zu fühlen. Ich möchte nur teilen, was ich mit diesen Änderungen gerade erlebe und wie ich sie für mich für einen Neustart nutze. Auch, wenn ein neuer Name sehr helfen kann bei dem Schritt in eine neue Identität – Kundalini-Yoga-Freunde von mir haben mit dem öffentlichen Tragen ihres spirituellen Namens riesengroße persönliche Shifts gemacht – brauchst Du keinen neuen Namen für eine neue Identität! Ich arbeite sehr gern mit Superheldinnen oder Göttinnen als Archetypen, die etwas verkörpern, in das man hineinwachsen möchte. So könntest Du Dir für eine bestimmte Phase einen Superheldinnen- oder Göttinnen-Namen geben, der ausdrückt, in was Du hineinwachsen möchtest. Dazu mehr in den nächsten Wochen.