Radikale Integrität: Wie Du die Krise nutzt um neue Ehrlichkeit in Dein Leben zu bringen

Noch vor ein paar Wochen hätten viele von uns das für einen schlechten Aprilscherz gehalten: Die Nachrichten voller Schreckensmeldungen und die Straßen und Cafés trotz schönstem Sonnenschein leer. Als mein Mann und ich gestern, an einem Freitagvormittag, gemeinsam einkaufen gingen – etwas, das bisher nur mal in den Ferien im Süden vorkam – sagte er, er fühle sich ob der Stille und Gemächlichkeit in den Straßen in seine Kindheit in den 70ern zurückversetzt.

Die Welt ist gerade langsamer geworden.

Zumindest für die, die jetzt nicht gerade dringender denn je gebraucht werden. Und ich frage mich: Worin liegt hier die Chance? In den letzten Tagen ist viel darüber geschrieben worden, dass in der Entschleunigung ein Segen liege: Angeblich kaufen Menschen wieder russische Romane, hören Platten, singen auf Balkonen und backen Brot. Ja, mag sein. Ich höre jedoch in Gesprächen, dass es nicht einfach nur langsamer und wieder romantisch wie früher ist: Eine Frau, die gerade ihre Selbstständigkeit aufbaut, hat nicht nur auf einmal den ganzen Tag die Kinder, sondern auch einen Mann zuhause sitzen, der im provisorischen Home-Office seine 40+ Stunden produktiv sein muss. Wo die räumlichen Verschiffungen der verschiedenen Familienmitglieder früher als Puffer dienten, knallt nun alles aufeinander.

Wo liegt denn da jetzt bitte die Chance?

Auf offener Hand, ist meine Antwort: Darin, dass Du eingeladen bist, alles anzuschauen. Und dann zu fragen: Wie willst Du wirklich leben? Was ist Dir wichtig? Und wie kannst Du das umsetzen? Die Karten werden neu gemischt – bloß, dass es diesmal keine Kindergärten, keine Schulen, keine tägliche Pause vom Partner gibt. Worin liegt die Chance, wenn Du aufgefordert bist, mit allem zu sein, was Du in Dein Leben eingeladen hast?

Der Druck des Ausnahmezustands wirkt wie ein Schnellkochtopf: Alle negativen Tendenzen, die vorher schon da waren, verstärken sich unter Stress. Wer ohnehin zu Angst und Gedankenschleifen neigt, hat wahrscheinlich mehr davon. Wer eh häufig vor Bildschirmen versackt, wird sich öfter darin wiederfinden. Beziehungsdynamiken, die schon vor der Krise da waren, verschärfen sich. Emotionen liegen blank und entzünden sich schneller. Ja, erstmal anstrengend und doch: Was für eine Chance. Für Klarheit, ehrliches Anerkennen und liebevolle Neindankes.

Ohne Netz und doppelten Boden fliegt auch mir gerade alles um die Ohren, was ich bisher meinte, in meinem einen Leben unterbringen zu wollen. Dadurch, dass ich morgens weniger schnell aus dem Haus hetze, sehe ich erst einmal, wie lieblos vollgestopft mein Kleiderschrank ist und fange an nochmal mit „Magic Cleaning“ an, obwohl ich dachte, dass ich das ja erst im Herbst erledigt hätte. Welche der Bücher „sparken“ noch Freude und repräsentieren etwas, in das ich hineinwachsen will? Uppps, nur etwas weniger als die Hälfte. Puh, und die Papierstapel sind auch schon wieder gewachsen. Ich sehe meine dysfunktionalen Strukturen, nicht nur in meiner Steuer-Ablage, sondern auch darin, wie ich meinen Mail-Posteingang volllaufen lasse, unter der Woche unter Hochdruck meinem Mann Haushalts-Anweisungen zurufe und abends nach einem perfekten Tag mit Meditation und Yoga, mehr oder weniger liebevoll selbstgekochtem Bio-Essen im Thermobehälter auf dem Sofa versacke und Instagram scrolle. Will ich so leben? Nein!! Hilfe!!

All das kann ich mir jetzt anschauen. Ohne mich in Selbstmitleid zu baden, sondern, indem ich mir die Strukturen, die ich mir geschaffen habe, anerkenne und Verantwortung übernehme. Gerade, wenn mein Kalender aus allen Nähten platzt und ich mehrspurig unterwegs bin: Was will ich wirklich, wozu bin ich hier? Und welche Aktivitäten, welche Jobs führen da hin und welche nicht? Welche Jobs sage ich zu, weil ich mich geschmeichelt fühle oder sie cool finde, obwohl ich damit nicht meinen eigentlichen Zielen näherkomme? Aua. Und wie genau sieht eigentlich für mich und mein individuelles Setup nachhaltiges Arbeiten aus? 

In dieser Zeit muss ich vieles absagen und vieles wird mir abgesagt, was ich sonst gemacht hätte. Und nach dem ersten Bedauern oder auch Schmerz merke ich, wie Energie frei wird. Und eine leise Stimme, tief drinnen, atmet auf: „Das wollte ich sowieso nicht so gerne machen, puh!“. Diese Trauer kann ich jetzt bewusst fühlen und vor allem dieser Stimme sehr genau zuhören. Und dann wird Energie frei. Genau dafür ist jetzt Zeit. Zum Klarheit schaffen, Sortieren. Sehr, sehr ehrlich mit mir sein.

Für mein Selbstständigen-Hamsterrad kann ich kein System und keinen Arbeitgeber beschuldigen. Das ist alles „Made by me“ und made by den Vorstellungen, die ich davon habe, wie ein Berufsleben auszusehen hat. Auch etwas, das ich jetzt ganz neu anschauen, und dann – Freiheit! – verändern kann.

Ehrlich aufräumen. Auf allen Ebenen. Für radikale Integrität.

Und dabei interessiert mich nicht mehr, was es mit meiner Kindheit zu tun hat, dass ich Bücher horte und meine Zettel nicht sortiert sind – obwohl es da das eine oder andere zu zu sagen gäbe. Geschenkt. Ich kenne die Stories und sie haben mich die letzten 20 Jahre meines Erwachsenenlebens nicht weitergebracht.

Was mich jetzt weiterbringt sind neue Handlungen. Und genau darin liegt die Chance in dieser Krisen-Pause. Denn obwohl ich keineswegs gerade Urlaub oder gar bezahlen Urlaub habe – was für das nötige Feuer unterm Hintern sorgt – kann ich durch die abgesagten Events und die wegfallenden Office-Wege meine Zeit viel freier einteilen. Oder, ganz ehrlich: Ich erlaube mir es endlich. Denn die Freiheit, einen ganzen Mittwoch meinem Kleiderschrank und Bücherregalen zu widmen, habe ich mir bisher nicht genommen.

Im Yoga beschreibt der Begriff des Spanda das Gesetz des Pulsierens: Was einmal groß ist, wird klein, was einmal klein und eng ist, wird wieder groß und weit. Was für ein Segen, jetzt ganz klein werden zu können und überhaupt erst zu sehen was nicht funktioniert. Es dann im Kleinen zu ändern, auch wenn das jetzt Blut, Schweiß und Tränen kostet. Um dann mehr im Einklang mit mir, meinen Werten und dem, was ich im Stillen Kämmerlein für mich als das spüre, weshalb ich auf der Welt bin, wieder groß und weit werden zu können. Auch, wenn das vielleicht noch ein paar Wochen oder Monate dauert – ein Teil in mir hofft auf Monate, denn es gibt noch so einiges aufzuräumen.

Die Frau, die sich mit Kindern und 40-Stunden-Mann zuhause findet, hat sich entschieden, jetzt erstmal einfach Zeit mit den Kindern zu verbringen. Eigentlich, so sagt sie, habe sie sich das schon immer gewünscht und jetzt, da es auf einmal möglich war,  habe sie sich zum Homeoffice gezwungen und die Kinder vor dem Tablet geparkt. Das hat sich nicht gut angefühlt. Bis sie entschied, die Selbstständigkeit erstmal zurückzufahren und mit dem Mann darüber zu verhandeln, wann sie eine halbe Stunde am Tag ganz für sich haben kann. Ihre beruflichen Ambitionen sind nicht für immer geparkt, doch hat sie  erstmal den Superwoman-Anspruch erkannt und losgelassen. Ja, sie ist privilegiert, dass sie sich das leisten kann. Und sie hat erkannt, dass sie die Freiheit hat, sich genderpolitisch so inkorrekt zu verhalten, jetzt nicht um jeden Preis auch noch Geld reinzubringen, und auch keinen Riesen-Homeschooling-Aufriss zu machen, sondern einfach mal mit den Kindern Roller zu fahren und in den Wald zu gehen.

Diese Zeit ist ein Katalysator.

Ja, da ist viel Ungewissheit. Ich weiß nicht, wann ich wieder Workshops geben kann, bei denen die Menschen sich für Körperübungen an den Handgelenken anfassen. Und gerade in dieser äußeren Ungewissheit kann ich täglich miterleben, wie sich in mir neue Gewissheiten bilden, besonders in Bereichen, in denen ich zuvor bequem und achtlos war. Ich höre: Mein Leben ist mir zu kostbar, um nicht jeden Morgen Yoga zu machen. Was ich zu navigieren habe ist zu komplex, als dass ich auf Meditation verzichten wollte. Für die Offenheit und Klarheit, mit der ich mit anderen Menschen präsent sein will, kann ich es mir nicht leisten, in einer Wohnung zu leben, in der Dinge stehen, die mich runterziehen oder ablenken.

So wird die „globale Pause“ nicht zu einem Überraschungs-Urlaub den man in Habachtstellung vor den Nachrichten verbringt oder sich per Serien-Binge ins Abseits beamt. Für Menschen, die wach sind und etwas wollen, ja, etwas beitragen wollen, ist sie die Chance, Klarschiff zu machen. Ganz ehrlich hinzuschauen. Denn danach wird die Welt eine andere sein, wirtschaftlich, administrativ, zwischenmenschlich, geistig. Welches Szenario ich mir auch vorstelle, von einer menschlicheren und global verantwortungsvollen Welt mit diesmal wirklich blühenden Landschaften, wie in diesem Artikel von Zukunftsforscher Matthias Horx, bis hin zur Mad-Max-Wüste, in der ich mir als erstes überlegen müsste, wie ich Zwangsimpfungen entkomme: Weder hier noch da will ich ungeduscht erscheinen und mir erstmal ungläubig den Schlaf aus den Augen wischen. Wie auch immer die Welt danach aussehen wird: Ich will da sein, bereit sein. Und zwar ganz. No excuses.

Also dann jetzt ran da. Was gibt es genau jetzt zu tun?