Rational weißt Du, dass Du eine unabhängige und eigenständige Frau bist, die gut für sich selbst sorgen kann, oder? 

Und sicher hast Du Dich schon mal aufgeregt über eine Frau, die sich ziert und einfriert, sobald etwas schwer wird: Über eine Frau, die kreischt, wenn da eine Spinne sitzt und auf den Mann wartet, der sie entfernt. Eine Frau, die bei einem Computerproblem anfängt zu heulen, bis ein Mann vorbeikommt, der ihr hilft. Oder die mit einer vorwurfsvollen Haltung einem Mann davon erzählt, wie  ein technisches Gerät nicht so will wie sie – als sei das die Schuld des Mannes. 

Ja, rational wissen wir, dass das nicht die Geschlechter-Bilder repräsentiert, die wir gern in unserer Welt hätten. Und wir sind oft gut darin, andere dafür zu verurteilen. Peinlich ist das, kindisch und unselbständig. Eine Schande für emanzipierte Frauen. Kennst Du solche Gedanken?

Allerdings: Meistens, wenn wir andere verurteilen, hat das, was wir an ihnen be- und abwerten auch mit uns zu tun. Ganz ehrlich, passiert es Dir nicht auch manchmal, dass etwas Unvorhergesehenes Dich rat- und hilflos macht? Und Du perplex in der Gegend herumstehst und Dich umschaust, ob da nicht jemand ist, der Dir helfen kann? Ganz bestimmt, oder? 

In Momenten, die uns den Boden unter den Füßen wegreißen, verhalten wir uns nicht mehr wohlüberlegt und rational. Da schlagen Instinkte und Konditionierungen durch. Und wir Frauen tragen sowohl aus den letzten Jahrhunderten, sowie aus Massenmedien Konditionierungen mir uns herum, dass es Männer sind, die uns aus misslichen Lagen retten. Selbst aktuelle populäre Mainstreamfilme vermitteln uns, dass Frauenfiguren, die angesichts eines Missstandes passiv bleiben und regelrecht einfrieren, Hilfe von einem Mann bekommen. So etwa in den Filmen „Gravity“, „P.S. I Love You“ oder „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „Eat, Pray, Love, sowie „Prometheus – Dunkle Zeichen“: Die Frau friert ein, bewegt sich nicht mehr, ist nicht mehr handlungsfähig, ja gar lebensunfähig. Bis der rettende Mann erscheint – vielleicht als Halluzination oder mit Botschaften aus dem Jenseits, jedoch ist es ein Mann. Es ist nicht die Frau selbst, die in sich neuen Lebensmut findet. Der Mann rettet sie, zeigt, ihr, dass das Leben doch lebenswert ist und führt sie in eine Zukunft, in der es ihr besser geht als noch zu Beginn der Filmhandlung. Gus in „Das Schicksal…“ entfacht auf einem Amsterdam-Trip Amandas Lebensfreude neu. George Clooney als Astronaut erscheint Sandra Bullock in „Gravity“ als Halluzination, als die von ihr gespielte Figur allein in einer Raumkapsel technisch nicht mehr weiter weiß und ob der Trauer um ihre Tochter auch keinen Mut zum Leben mehr hat. Er baut sie auf wie ein Motivationscoach und gibt ihr auch die entscheidenden technischen Hinweise – ihr Überlebenswille ist entfacht. In „P.S. I Love You“ ist die weibliche Hauptfigur am Boden zerstört nach dem Tod ihres Mannes, der sie mittels Botschaften, die er vor seinem Tod geschrieben hat, wieder aufbaut und sie so nicht nur zurück ins Leben sondern auch ins Bett seines Kumpels von früher führt, der sich anschließend um sie kümmert. 

Entscheidend ist: Wir haben kaum medialen Vorbilder dafür, dass wir Krisen auch selbst bewältigen können. Woher sollen wir den Glauben, nehmen, dass es in uns eine Kraft gibt, die uns heilen und wieder in unsere Mitte bringen kann, wenn es keine entsprechenden Geschichten in den Massenmedien gibt? Sich dessen bewusst zu werden ist ein erster Schritt. Der zweite wäre, damit aufzuhören, Frauen zu verurteilen, die sich nach diesen alten Mustern verhalten und stattdessen bei uns selbst auf Forschungsreise zu gehen: Wo verfalle ich in Passivität und warte darauf, dass andere meine Probleme lösen, anstatt volle Eigenverantwortung dafür zu übernehmen. Wichtig dabei: Passivität ist nicht dasselbe wie Dich zurückziehen. Das kann sehr sinnvoll sein in Krisen. Dich zurückziehen, Wunden lecken, dem System Ruhe geben, sich zu regenerieren, Medien-und Sozial-Detox. Jedoch heißt das nicht, Dich zu isolieren: Besser ist ein kleines, stablies Support-Team. Ruhig auch mit Männern. Es muss einfach bloß klar sein, dass Unterstützer keine Retter sind. Retten kannst Du Dich nur ganz allein.

Das sind Fähigkeiten, die wir als Kultur, wie jede Einzelne für sich neu angehalten sind zu lernen. Lasst uns aufhören, Schmerz um jeden Preis schnell beseitigen zu wollen und um einen Lolli zu jammern. Lasst uns nicht einfach nur mit einem Pflaster und einer Tonne Schminke über einer Wunde, die noch längst nicht verheilt ist wieder auf allen Hochzeiten tanzen. Krasses Bild, ja. Ist so krass gemeint. Lasst uns lernen, in die Tiefe zu gehen, unseren tiefsten Schmerz ganz fühlen.  und daraus mitfühlender und stärker hervorgehen.

Dann können Krisen gestärkt hervorgehen, als neue, reifere, mitfühlendere Version unserer selbst. Mehr verbunden mit der Welt und mit dem, wie es anderen Wesen geht. Dann sind wir die Ritterin, für uns selbst und für andere, verwurzelt in Liebe. 

 

Sat Nam

Deine Marie