Ähnlich wie wir es mit maskulinen Qualitäten übertreiben können und zur Superwoman werden, können wir auch in einem Zuviel an femininen Qualitäten stecken bleiben. 

Als „emphatische Frau“, „Märtyrerin“ oder „Helferin“. Zusammen sind sie die „gute Frau“, die Anerkennung für ihre tollen „weiblichen Qualitäten“ bekommt, aber nicht in ihrer ganzen eigenen Kraft steht. 

Vielleicht verspürst Du jetzt einen Widerwillen und möchtest sagen, Einfühlen und Unterstützen sei doch gerade „weiblich“, was solle denn daran schlecht sein? Ich höre Dich. Das sind wunderbare Qualitäten. Nur: Wenn Du beschäftigt damit bist, emphatisch zu sein und anderen zu helfen, läufst Du Gefahr, Deine eigenen Bedürfnisse zu übergehen und Deine eigenen Ziele aus dem Blick zu verlieren. Du lenkst Dich ab.

Uns in andere einzufühlen und zu helfen sind wichtige Fähigkeiten. Die wir, so wir bewusst damit umgehen und es vermögen, sie wie schöne Kleider an- und ausziehen, zur Kunst machen können. Wir können zu Virtuosinnen darin werden. Wenn wir es vermögen, auch wieder damit aufzuhören und immer wieder ganz zu uns selbst zu kommen. 

Wenn wir es nicht bewusst steuern und uns vielleicht sogar über unsere Empathie und unser Für-andere-Dasein identifizieren, bleiben wir darin stecken. Dann werden uns deren Schattenseiten zum Verhängnis. Wichtig ist: Es ist nicht per se „weiblich“, aus der eigenen Mitte zu fallen, weil wir mit den Bedürfnissen anderer beschäftigt sind. Wir Frauen haben es nur über so viele Jahrhunderte gelernt, das es normal ist, dass uns das passiert. Dass wir uns im Für-andere-Aufopfern verlieren, verzetteln, ausbrennen. 

Ladies, die Zeiten sind vorbei! Das können wir uns nicht mehr leisten. Daher: Vorsicht, wenn in Deinem Leben die „emphatische Frau“, „die Märtyrerin“ oder das „Mädchen für alles“ eine Hauptrolle in Deinem Stück spielen und gar nicht mehr von der Bühne gehen wollen.

Die „emphatische Frau“ versteht alle. Sie ist Erin Brockovich, die aufgrund ihres Einfühlungsvermögens und ihrer Menschenkenntnis einen nie dagewesenen Ausgang eines juristischen Falls bewirkt, im Zuge dessen eine böse Chemiefirma bestraft wird. Das ist eine tolle Geschichte. Die Falle ist: Erin arbeitet die Nächte durch, wochenlang unbezahlt und ohne Anerkennung. Eine Märtyrerin. Wo ziehst Du Bestätigung daraus, dass Du so einfühlsam, intuitiv bist und so gut mit Menschen kannst? Und wo gehst Du dabei aber über Deine eigenen Grenzen? 

Oder Du bist hilfreich: Das gute „Mädchen für alles“. Die perfekte Assistentin Deines Mannes oder Deines Chefs. Bist Du diejenige, die ihn ständig an Kleinigkeiten erinnert, damit er sie nicht vergisst? Mach das bloß nicht zu Deiner Haupttätigkeit. Und pass auf, dass Du Dich nicht zu sehr damit identifizierst und hier zur Märtyrerin wirst. Wenn Du Dich als Assistentin unentbehrlich machst, ist das Manipulation und Co-Abhängigkeit. Hilf dem anderen Menschen lieber, wie er selbstständig wird und Deine Hilfe nicht mehr braucht. 

Wenn Du eine dieser Rollen einnimmst, erlebst Du vielleicht: Zu wirklichem Erfolg für Dich führt das nicht. Die großen Erfolge fahren die anderen ein. Weil Du klein und nett bleibst. Und Du bist in einer Abhängigkeits-Falle: Du kannst nie genug Wertschätzung für Deine Hilfeleistungen bekommen. Nach außen vertrittst Du keine klaren Standpunkte. Eckst nicht an. Du gehst nicht in die Tat. Du bleibst du die gute Frau und hast das Gefühl, Du wirst ausgenutzt. Unten drunter wirst Du wütend, weil andere Deine besonderen „weiblichen“ Fähigkeiten Qualitäten nicht genug würdigen. 

„Die gute Frauen“-Falle ist klebrig: Weil Du Dir einredest, dass Du ein besserer Mensch bist. Vielleicht sind andere Menschen sind Dir dankbar, sprechen Dir Bewunderung aus. Und sie birgt einen weiteren Fallstrick: Du gibst „den Männern“ oder „dem männlichen System“ die Schuld an Deiner Lage. Du wirfst anderen vor, sie hielten Dich klein und würden Dich nicht wertschätzen. Das ist eine bequeme Ausrede. 

Wahrscheinlich machst Du das alles mit Dir aus. Oder heulst Dich aus bei einer Freundin, mit der Du Dich gemeinsam hochschaukelst: Gegen die böse Männerwelt, den Kapitalismus, „das System“. Es bräuchte mehr „Bewusstheit“, mehr „Herz“ und mehr „Spiritualität“ in der Welt. Das denkst Du in Deinem Kämmerlein. Oder postest es vielleicht auf Deiner Blase auf Facebook. Und bringst selbst dabei überhaupt nichts Neues in die Welt. 

In Wirklichkeit bist Du es nämlich, selbst, die Dich kleinhält. Weil Du nicht in Deine Größe gehst. Weil Du das kleine Mädchen in Dir die Bonbons essen lässt, die die „Großen“ Dir geben, weil Du so lieb bist. Zucker macht süchtig. Und Du kannst bald nicht mehr ohne. Vielleicht machst Du Dich auch unentbehrlich mit Deinen, Dir ganz besonders erscheinenden Qualitäten. So wirst Du zur umgestülpten Superwoman: Nicht mit Cape und im Kampf gestreckter Faust, sondern im Tarnanzug und Faust in der Rocktasche. Du sagst Dir mehrmals täglich, dass Du so besonders bist, weil so so besonders weiblich bist, so viel fühlst und spürst. Und eine besondere Weisheit hast. Die eben keiner in der bösen Männerwelt da draußen versteht. Unten drunter ist da ständig eine Stimme in Dir, die sagt: „Na wartet! Eines Tages werde ich mich rächen.“

Andere unterstützen ist prima – wenn man dabei auf seiner eigenen Spur bleibt. Und ja, das ist für uns Frauen schwerer als für Männer. Das ist für uns eine Herausforderung. Ein echtes Übungsfeld. Weil wir so viel um uns herum wahrnehmen. Weil wir wissen, wie wir anderen helfen. Weil es uns leicht fällt. Wir kommen weder in Rollenkonflikte, noch riskieren wir dafür, nicht gemocht zu werden. Wenn wir dagegen unsere Bedürfnisse und Grenzen benennen, riskieren wir das. Gleichzeitig werden wir so transparent für unser Gegenüber. Es kostet Mut, zu sagen, wo wir stehen und was wir brauchen. Nur so können wir miteinander klar bleiben ohne dass irgendwann eine Bombe hochgeht oder die Märtyrerin ebenjene Faust aus der Hosentasche holt, ordentlich ausholt und es so richtig krachen zu lassen. 

Der Appell an uns lautet: Sichtbar werden für die Welt da draußen. Als die, die Du wirklich bist. Mit dem, was Du wirklich willst. „Die Männer“ und „das System“ sind nicht böse. Sie brauchen uns. Und zwar als ganze Frauen, die ganz sagen, was sie brauchen, denken und möchten. Das kannst Du auch, indem Du nett und freundlich bist. Aber eben nicht um jeden Preis. Klar sein ist wichtiger als nett. 

Und jetzt los, raus da!