Gibst Du alles für Deine Beziehung? Oder gibst Du alles, um möglichst bald wieder in einer Beziehung zu sein? Viel geben ist super. Und wer viel gibt, bekommt oft auch viel zurück. Aber Moment mal. 

Wir treten als Menschheit gerade aus einem Zeitalter heraus, in dem Frauen mehrere tausend Jahre lang dazu konditioniert waren, einen Mann zu brauchen. In patriarchalen Strukturen, in denen Männer das Sagen haben, ist es für Frauen lebenswichtig, einen Mann für sich zu gewinnen, der ihnen gegenüber loyal ist. Der gesellschaftliche und materielle Sicherheit gibt. 

Heute brauchen Frauen Männer nicht mehr dafür. Heute brauchen Frauen Männer nicht einmal mehr, um Kinder zu bekommen. Und da laufen wir als Gesellschaft Gefahr, auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen: Wenn wir Männer gar nicht mehr brauchen, fangen wir an, auf sie herabzusehen und gar nicht mehr zu sehen, was sie geben und beitragen. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die wir ein anderes Mal eingehen werden. 

In den meisten von uns steckt noch das tiefe Muster, dass wir einen Mann brauchen, um „ganz“ zu sein. Wenn Du das hier liest und etwas in Dir sagt, „das stimmt doch auch, wir sind doch erst ganz, wenn wir in einer erfüllten Partnerschaft leben/unseren Seelenpartner/ unseren Menschen fürs Leben gefunden haben“, halte einmal inne. Genau hier liegt ein Glaubenssatz, den wir Frauen häufig so verinnerlicht haben, dass wir nicht mehr logisch darüber nachdenken, ob und inwiefern er uns noch nützt. 

Vorweg: Es ist toll, eine erfüllende und auf Wachstum und Liebe basierende Partnerschaft zu leben. Eine ganz großartige Sache. Und kaum etwas lässt uns so an unsere Grenzen, auf unsere dunklen Ecken stoßen wie eine intime Beziehung – und kaum etwas birgt ein so großes Potential für Heilung, wenn wir bereit sind, dazubleiben, bei uns selbst hinzuschauen und bereit sind, unsere Wäsche aus dem Weg zu räumen. Immer wieder. 

Dennoch, gerade für uns Frauen ist es so wichtig, dass wir die Beziehung zu uns selbst an erste Stelle setzen und nicht die Reihenfolge umdrehen. Kein Wunder, dass uns das so schwer fällt: Noch ein, zwei Generationen vor uns war es normal, dass sich alles um den Mann drehte und man sich auch als Frau in erster Linie um den Mann drehte. Wir kennen die Ratgeber für junge Ehefrauen aus den 50ern, in denen man lernt, für den Mann das perfekte Szenario zu schaffen, wenn er Abends erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt: das perfekte Essen auf dem Tisch, das Haus picobello, die Kinder artig und adrett, und die Hausfrau sieht perfekt aus und ist jederzeit – ganz wichtig, egal, wie sie sich fühlt, oder was ihr Körper gerade sagt – sexuell verfügbar für die sogenannten „ehelichen Pflichten“. Das steckt uns sowas von noch in den Knochen. Oder? 

Dabei ist es ein schmaler Grat: Natürlich ist es wunderbar, ein schönes und harmonisches Zuhause zu kreieren, mit ausgeglichenen Kindern und gutem Essen und jemanden, der nach Hause kommt, nett zu begrüßen. Bloß: Die meisten von uns haben heute tagsüber sicher anderes zu tun als mit Lockenwicklern die gute Stube zu saugen und in Handarbeit Rouladen zu rollen. Und vor allem: Es verlangt keiner mehr, dass wir unsere Bedürfnisse hintenanstellen und unsere Gefühle und unseren Körper nicht wichtig nehmen. Trotzdem machen viele Frauen damit weiter, kümmern sich nicht um die eigenen Emotionen und um die eigene körperliche und geistige Balance. Mit der innerlichen Begründung, dass sie keine Zeit hätten oder die Beziehung wichtiger wäre. Was dann in der Beziehung passiert, ist, dass die Unausgeglichenheit und der Frust darüber beim Partner abgeladen wird. Unterschwellig, mit Sticheleien oder aber mit dem verbalen Hackebeil. Wir leben hier die alten Ressentiments unserer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter aus. Halt, stopp!!

Also, zurück auf Los. Zurück zu Dir. Was brauchst Du, um Dich ganz zu fühlen? Um zufrieden zu sein, egal was Dein Partner macht? Was brauchst Du, um ihm nicht die Schuld an Deiner schlechten Laune zu geben? Schlechte Laune ist okay. Es ist nur Deine, nicht seine. Wenn Du Deine Beziehung zu Dir selbst an zweite Stelle stellst, kostet Deine Beziehung Dich Lebenskraft. Wenn Du Deine eigenen Bedürfnisse leugnest, um in eine Beziehung zu passen, machst Du genau das, was die 50er-Jahre-Hausfrau tut.

Und die Geschichten, mit der unsere Kultur uns umgibt, sind voll von solchen Vorbildern: In den Sex-and-the-City-Filmen möchte Carrie zu Beginn viel ausgehen, Freundinnen treffen und tolle Sachen erleben. Ihr Mann möchte lieber auf dem Sofa sitzen und alte Filme schauen. Am Ende sitzt sie mit Big auf der Couch und schaut alte Filme und redet sich ein, dass das sie sehr zufrieden damit sei. Sie zieht sich aus dem öffentlichen Leben heraus, zurück in die häusliche Welt, in der sie sich seinen Vorlieben anpasst. Und ihre Freundinnen gar nicht mehr trifft, ihr wildes Leben wird domestiziert. Noch krasser in den Vampir-Filmen mit Bella und Edward: Bella opfert wortwörtlich ihre Lebenskraft, ihr Leben als Mensch dafür, um ganz in Edwards Welt kommen. Alles, was ihr Leben vorher ausgemacht hat, lässt sie hinter sich. Das ist immer noch eine weit verbreitete Geschichte: Das arme Mädchen mit dem langweiligen Leben begegnet dem Prinzen, der sie mit in seine Welt nimmt, in der dann alles besser ist. Das ist und bleibt ein Märchen. Ein Märchen des Patriarchats. 

Wie Du sicher schon festgestellt hast, nimmt man seine Themen mit, egal wohin man verreist. Und so auch, wenn wir für eine Beziehung alles stehen und liegen lassen. Angekommen im Traumschloss packen wir unsere Koffer aus und, Mist, da ist ja doch noch dieses alte Thema: Ich fühle mich klein und blöd, ich bin unsicher, ich mag mich selbst nicht. Oder: Das Bedürfnis, Dich zu zeigen, das Buch zu schreiben, Dein Ding in die Welt zu bringen. Und nicht nur alles passend zu machen, damit die Beziehung passt. Das wird sie dann nämlich irgendwann nicht mehr. 

Ja, es ist immer gut, die Welt des anderen zu kennen. Den Arbeitsplatz, die Kollegen, die Freunde, die Lieblingsmusik, die Filme, Bücher und Serien, die der andere mag. Da ist gar nichts gegen zu sagen. Nur: Sind das Filme und Serien, die Du wirklich gucken willst? sind seine Freunde Menschen, mit denen Du wirklich gerne Zeit verbringst? Sind es Menschen, die Dir neue Horizonte eröffnen und Dich darin fördern, die zu werden, die Dich das Leben zu werden ruft und Dich in Deinen Zielen bestärken? Oder machst Du mit, weil Du höflich sein willst und brauchst eigentlich ganz andere Menschen um Dich? 

Eine Beziehung sollte nie nie nie, und ich wiederhole, NIE! Entschuldigung sein, nicht den nächsten Schritt zu gehen, der für Dich ansteht. Sonst schneidest Du Dir Lebenskraft ab. Und Dein System wird irgendwann rebellieren und, wenn Du nicht aufpasst, Deinem Partner die Schuld geben für Deine ungelebte Lebenskraft. Dann fliegt Dir alles um die Ohren. Und ich weiß, wovon ich spreche. Das ist der Entwicklungsschritt, den wir Frauen nun brauchen, nach Generationen, in denen wir sehr real meist weniger Handlungsspielräume hatten und uns auf die eine oder andere Weise einem Mann untergeordnet haben.

Worin Dein nächster Schritt besteht, kannst Du auch nicht innerhalb der Beziehung herausfinden. Du kannst auch Deinen Partner nicht um Erlaubnis fragen für den nächsten Schritt. Die Reihenfolge wird IMMER so aussehen: An erster Stelle steht die Beziehung zu Dir selbst. Dazu gehört unbedingt Zeit allein und eine spirituelle Praxis. Sonst bist Du verloren. Oder Du verschwimmst. Dann, wenn Du Dich wirklich, wirklich ganz und vollkommen als Mensch mit einem eigenen erfüllten und erfüllendem Leben erlebst, kannst Du jemand anderem begegnen. Und dann auf einer ganz anderen Ebene. Das sind dann die Beziehungen, die wirklich gleichwertig und befreiend sind, in denen wir miteinander in Freiheit wachsen und uns heilen lassen können. 

Wo stehst Du in Deiner Beziehung? Bist Du in Deiner Mitte oder lässt Du Deine Beziehung Dich Deine Lebenskraft kosten? 

Bild: Heather Mount